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Im jüngst veröffentlichten Digitalisierungsindex Bitkom-DESI 2026 belegt Deutschland unter den 27 EU-Mitgliedstaaten nur den 17. Platz und schneidet damit erneut ähnlich „solide“ ab wie beim Eurovision Song Contest. Noch düsterer sieht es mit Platz 22 bei der „Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung“ aus. Es gibt jedoch auch gute Nachrichten: Wir haben Fortschritte bei vorausgefüllten Formularen gemacht!

Der Bitkom-„Digital-Economy-and-Society-Index“ vergleicht den Digitalisierungsfortschritt der EU-Länder anhand von 44 Indikatoren. Dabei betrachtet er die Bereiche „digitale Transformation von Unternehmen“, „digitale Infrastruktur“, „digitale Kompetenzen“ und „Verwaltungsdigitalisierung“. In der aktuellen Auflage belegt Dänemark den ersten Platz, gefolgt von Finnland, den Niederlanden, Malta und Luxemburg. Deutschland landete mit 51,1 Punkten auf Platz 17 und verschlechterte sich damit sogar um drei Plätze gegenüber dem Vorjahr.

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst hat für das schlechte Abschneiden Deutschlands allerdings auch eine Erklärung parat: „Ein großer, föderaler Flächenstaat wie Deutschland lässt sich nur bedingt mit Luxemburg, Estland oder auch Dänemark vergleichen. Unter den bevölkerungsstarken Flächenstaaten positioniert sich Deutschland gut.“ Tatsächlich liegt Deutschland unter den fünf größten EU-Ländern hinter Spanien auf Platz zwei und damit vor Frankreich, Polen und Italien. Ist das ein Grund zum Feiern? Mitnichten!

Die Bewertung des Digitalisierungsfortschritts der EU-Länder nach ihrer Einwohnerzahl wirft Fragen auf. Nach dem Motto „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ scheint der Bitkom geradezu nach einem Kriterium gesucht zu haben, bei dem Deutschland günstig abschneidet.

Netzwerkqualität top – Netzwerknutzung flop

Bei der Netzwerkqualität liegt Deutschland mit Platz elf immerhin im oberen Mittelfeld. In puncto Netzwerknutzung belegen wir allerdings nur Platz 21. Mit anderen Worten: Die digitale Infrastruktur ist vergleichsweise gut, genutzt wird sie aber nur unzureichend. Das zeigt sich auch beim Glasfaser-Ausbau, der im direkten Zusammenhang mit der Digitalisierung steht. Laut dem FTTH Council Europe sind inzwischen 24,8 Millionen Haushalte in Deutschland mit Glasfaser erschlossen, was Platz zwei innerhalb der EU27+UK bedeutet. Allerdings nutzen nur knapp 14 Prozent der deutschen Haushalte einen Glasfaseranschluss. Wir bauen also eine digitale Autobahn, auf der kaum jemand fährt. Die anderen vier bevölkerungsreichen EU-Länder liegen hier deutlich vor uns: In Spanien beträgt der Anteil 90 Prozent, in Frankreich 83,6 Prozent, in Polen 34 Prozent und in Italien 30 Prozent. Auf EU-Ebene beträgt die Glasfaser-Penetration 43 Prozent und ist damit dreimal so hoch wie in Deutschland. Vor diesem Hintergrund wirkt die Sonderbetrachtung Deutschlands als „bevölkerungsreicher Flächenstaat“ mehr als fragwürdig.

Aber warum reichen uns herkömmliche DSL-Anschlüsse? – Wir brauchen Glasfaser schlicht und ergreifend nicht, auch weil Behördengänge in der Regel weiterhin papierbasiert erledigt werden müssen und der Anteil der Homeoffice-Tage wieder deutlich gesunken ist.

Wirtschaftswachstum und Digitalisierungsreife im Vergleich

Betrachtet man die EU-Länder im Hinblick auf die Wachstumsraten ihres realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2025, so belegt Deutschland gemeinsam mit Finnland den letzten Platz. Unser Wachstum lag bei lediglich 0,2 Prozent, während es in Polen 3,6 Prozent, in Spanien 2,8 Prozent, in Frankreich 0,8 Prozent und in Italien 0,5 Prozent betrug. Gleichzeitig betont der Bitkom, dass Deutschland in seinem DESI im Bereich „digitale Transformation von Unternehmen“ unter den fünf größten EU-Ländern auf dem ersten Platz steht. Allerdings haben die anderen EU-Länder, in denen es offenbar weniger digital transformierte Unternehmen gibt, ein Vielfaches des deutschen BIP-Wachstums erzielt.

Gigafactories versus vorausgefüllte Formulare

Dr. Ralf Wintergerst erläutert: „Wer im digitalen Wettbewerb nach vorne will, muss nicht nur besser, sondern auch schneller werden.“ Damit hat er zweifellos recht. Passiert ist in Deutschland jedoch nichts: Während die EU-Länder ihre Digitalisierungskompetenz im DESI gegenüber 2025 durchschnittlich um 2,5 Punkte steigern konnten, gewann Deutschland lediglich einen Punkt dazu. Das ist umso bemerkenswerter, als es inzwischen ein eigenes Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung unter der Führung von Karsten Wildberger gibt, der auf große Infrastrukturprojekte wie Gigafactories setzt.

Der Bitkom betont hingegen, dass im Bereich „Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung“ Fortschritte gemacht worden seien, etwa bei vorausgefüllten Formularen. Kann das tatsächlich als bemerkenswerter Digitalisierungserfolg gelten? Eher nicht, denn ein „echter“ digitaler Verwaltungsprozess besteht nicht darin, dass einige Felder eines Formulars bereits ausgefüllt sind. Er sollte möglichst vollständig digital funktionieren: von der Identifikation und dem automatisierten Datenabruf über die Nachweisführung und Antragstellung bis hin zur Bearbeitung und dem Bescheid.

Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. In deutschen Amtsstuben liegen nach wie vor gewaltige Mengen Papier. Allein Dataport, der IT-Dienstleister der öffentlichen Verwaltung, hat kürzlich eine Ausschreibung zur Digitalisierung von mehr als 350 Millionen Seiten abgeschlossen. Und das ist nur ein Beispiel dafür, dass sich in Behörden nach wie vor Papierakten kilometerlang aneinanderreihen und die Digitalisierung kräftig hinkt. Auch der kürzlich vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) veröffentlichte „Behörden-Digimeter 2026“ offenbart, dass Deutschland bei der Digitalisierung seiner Verwaltung weiterhin viel zu langsam vorankommt. Zudem deckte das Gutachten Verzerrungen in der Darstellung des OZG-Umsetzungsfortschritts auf.

Andere EU-Länder diskutieren bereits darüber, wie sie ihre Verwaltungen mit KI automatisieren können, oder haben schon erste Piloten im Einsatz. Ein Beispiel ist die virtuelle Stadträtin „Eva Statiella“ in der norditalienischen Stadt Acqui Terme, die europaweit für Schlagzeilen sorgt. Die KI-Agentin analysiert Bürgeranliegen, formuliert Vorschläge für die weitere Bearbeitung und unterstützt Verwaltungsprozesse. Estland, das im DESI-Bereich „Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung“ auf Platz zwei liegt, hat nahezu alle Behördengänge digitalisiert und verfolgt nun den nächsten Entwicklungsschritt: Künftig sollen KI-Agenten im Auftrag von Bürgern oder Unternehmen handeln können.

Der Deutschland-Stack: Gut gedacht, schlecht gemacht

Wunsch und Wirklichkeit klaffen in Deutschland also noch weit auseinander. Das wird sich in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich auch nicht ändern, es sei denn, wir machen endlich unsere Hausaufgaben und schaffen eine tragfähige Basis für mehr Digitalisierung. Ein wichtiger Baustein dafür soll der Deutschland-Stack für die öffentliche Verwaltung sein. Die technologische Plattform ist darauf ausgelegt, die Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland zu harmonisieren, zu standardisieren und zu modernisieren. Bis zum Jahr 2028 sollen darüber eigentlich funktionale, einheitliche und modulare digitale Verwaltungsangebote bereitgestellt werden. Allerdings sieht der Bundesrechnungshof das Projekt auf einem wackligen Fundament. So bemängeln die Prüfer unklare Zielbilder, Intransparenz und unvollständige Standards.

Fazit

Deutschland belegt im Bitkom-DESI 2026 nur den 17. Platz. Bei der digitalen Verwaltung reicht es sogar nur für Platz 22. Das sind Tatsachen, da gibt es nichts zu beschönigen. Die Vorstellung, dass Deutschland mittelfristig unter die Top 5 landet, nur weil „Made in Germany“ mal hoch angesehen war, ist illusorisch.

Besonders ernüchternd ist dabei das Tempo. Während andere EU-Länder ihre Digitalisierung konsequent vorantreiben, kommt Deutschland nur langsam voran. Und wenn als Fortschritt bereits hervorgehoben wird, dass Formulare teilweise vorausgefüllt werden, darf man durchaus fragen, wie niedrig die Messlatte inzwischen liegt. Was hat ein vorausgefülltes Formular mit einem digitalen Veraltungsprozess zu tun, wenn notwendige Nachweise ausgedruckt und per Post oder Telefax nachgereicht werden müssen? In unseren Augen ist die entsprechende Darstellung des Bitkom ein Armutszeugnis.

Doch der Digitalverband hat recht: Deutschland muss schneller werden. Die entscheidende Frage lautet allerdings, ob wir dafür nun tatsächlich den Turbo zünden – oder zunächst noch ein Formular ausfüllen müssen. Immerhin gibt es einen Trost: Beim Eurovision Song Contest schnitt Deutschland in diesem Jahr mit dem drittletzten Platz noch schlechter ab.