Viel Ethik - und was steckt dahinter?

04.02.2019

Der Gebrauch des Wortes Ethik nimmt inflationäre Züge an. Damit einhergehend tendiert der Inhalt dieses Begriffs zur Bedeutungslosigkeit, wenn eine spezifische Handlung oder auch momentane Gegebenheit daran "gemessen" wird. Jeder Versuch mit "ethisch" geprägtem "Dafürhalten" wirkliche Verläufe abzugleichen, landet auf einer beliebigen Scala zwischen Glaube und Vernunft. Hier wird so lange hin und her geschoben bis der Abgleich passt, um wirkliches Handeln oder Wirklichkeit dementsprechend als ethisch oder unethisch zu benennen. Dazwischen gibt es nichts; ein entweder - oder! Eine Bestimmung von Ethik ist nicht nur abhängig von dem Seins-Empfinden in einer spezifischen Situation, sondern auch von der jeweiligen Umwelt.

Quelle einer Bestimmung von Ethik ist zunächst ein Unbehagen im Seins-Empfinden, ein unverträglicher Fleck in der als gesund empfundenen Wahrnehmung des inneren Daseins im Verhältnis zum äußeren Sein. Dieses Sein hat eine Geschichte, die mit der ersten Bildung von Atomen beginnt und sich über komplexe Moleküle zum Träger von Bewusstsein als Dasein (Heidegger) manifestiert. Die Ablehnung einer Störung in der Entwicklung des Seins ist wesentlich, existenziell begründet. Wie die Störung wahrgenommen wird, ist wiederum dem Wandel unterworfen, wenn Entwicklung stattfindet und die Beziehungen zum äußeren Dasein sich anders ordnen. 

Wird damit auch die Ethik neu bestimmt?

In der klassischen Philosophie wird dem Sein und seiner Entwicklung zum Dasein eine begleitende Wahrheit zugeordnet, die zu erkennen Voraussetzung für die Bestimmung von Ethik sei. Aber die seit Urzeiten begleitende Wahrheit wird von der Auffassung verdrängt, dass der entwickelte Verstand (logos) nunmehr das Maß aller Dinge sei.

Kierkegaard sieht über der Seins-Entwicklung keine begleitende Wahrheit, die zu erkennen Voraussetzung für die Bestimmung von Moral (Ethik) sei. Vielmehr ist die Moral in einem abstrakten Menschen angelegt, der einer selbst auferlegten Ordnung folgt. Kant nimmt die Natur als Ausweg für die fehlende Wahrheit und fordert für ethisches Handeln eine Entsprechung zur "Gesetzgebung" der Natur ein. Dagegen meint Mill, die Wahrheit im ungestörten Dasein aller Menschen zu finden, und erst nach einer Störung sei zu bestimmen, ob sie als der Moral zuwider, also unethisch zu erklären sei. Heidegger findet die Wahrheit in einem Prozess des Seins, in den das Dasein (der Mensch) zeitlich eingebettet ist.

Die Bestimmung von Ethik ist dem Wandel unterworfen und es liegt nahe, Heidegger zu folgen und Ethik aus dem jeweiligen Sein an der zeitlich nahen Wahrheit zu entwickeln. Hier zeigt sich letztlich die weitgehende Übereinstimmung beispielhaft ausgewählter philosophischer Sichtweisen. Und es gibt keine andere Orientierung als die an der Wahrheit, wie sie denn auch immer aufgefasst und umschrieben wird. 

Für Heidegger ist die Welt ein mosaikartiges, sich wandelndes Gebilde, das sich nur in einer Gesamtschau erschließt. Der Verstand findet für den Betrachter den möglichst engen Kontakt durch Bodenhaftung im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dieser körperlichen Verbindung erwächst die Idee des (menschlichen) Daseins als Gast der Welt. Mit seinem Dasein ist er in den Strom (Sein) der Zeit eingebettet und bewegt sich aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. In der Konsequenz heißt dies, der Mensch hat auf seinem Weg die Gastfreundschaft der Welt zu würdigen und nicht zu missbrauchen. Im Grund schafft Heidegger für diese Forderung eine Sprache, die eine Kunst aufweist, mit der er Wegmarken setzt, die der Mensch erkennen sollte, um nicht vom Weg abzuweichen.

So hat sich Heidegger spezifisch der Technik zugewandt, weil sich aus der Bodenständigkeit des Menschen, aus seinem so geprägten Lebensgefühl, aus seiner Gastrolle in der Welt eine durch ihn veranlasste Verfügung über die Zukunft verbietet. Technik ist eben eine Vorwegnahme der Zukunft ohne Beachtung der Zukunft des Seins und damit des Daseins. Technologie beinhaltet eine einseitige Auffassung der Welt und ist auf Ausbeutung angelegt. Technik ist nicht neutral, und der Mensch hat sie als solche bislang begriffen.

Und da steht dieser Mensch in der früheren Zukunft und befindet, dass eben die Welt Schaden nimmt, das Sein beeinträchtigt wird und das Dasein auf Umwegen in die Irre streben könnte. Der Mensch begegnet den Erscheinungen des Versagens der Daseins-Vorsorge in nahezu allen Lebensbereichen und muss die Störung wenn nicht beheben, so doch eingrenzen. 

Er muss Technologie als Bestandteil des Seins begreifen und in die Gesamtschau der Welt einordnen, sie für die Zukunft integrierbar gestalten.

Aus dem Sein hat der Mensch die Begabung erhalten. Sie zeigt sich in seinem Verhalten nicht nur die Störung zu empfinden, sondern ihr begegnen zu wollen, nicht nur durch vereinzelte Mahner, sondern durch einen erheblichen Zusammenschluss des Erdenkens der Wahrheit des Seins. 

Wo ein Verhalten diese Breite gewinnt, entstehen Normen, und aus Normen entsteht Recht, das zum Gesetz zusammengetragen wird.

Ethik ist ein Bestandteil der Wahrheit und weist den Weg, aber der Weg selbst muss aus Gesetz und Recht und Ordnung bestehen.