Die Entzauberung Digitaler Magie durch Bildung

22.01.2019

Es ergibt sich aus der Betrachtung der Welt für den beobachtenden Menschen die Frage, wer er ist und wie er betrachtet. Die Antwort scheint zunächst recht einfach zu sein, aber je mehr der Mensch nach einer Antwort sucht, desto mehr Fragen entwickeln sich aus komplexeren Antworten und bald muss die Suche aufgegeben werden. Der Mensch kann sich mithin selbst nicht erkennen und Ergebnisse seiner Wahrnehmungen im zunehmend virtuell-technischen Umfeld werden auf diesen Umstand bezogen relativ, subjektiv und der jeweiligen Situation entsprechend magisch. Das gilt auch für das Gemeinwesen, an das der Mensch seine vermeintliche Freiheit zugunsten der Versorgung und Sicherheit abgibt, um dann dem kollektiven Verhalten Folge zu leisten.

Die Integration, Vernetzung und Entfremdung der Menschen in Systemen führt zu einer Ablösung oder Änderung traditioneller Orientierungshilfen, neue "Werte" wanken, sie sind nicht mehr transparent, sondern erscheinen magisch und führen wohlmöglich sogar in die Irre . Alternative Wegweiser in die Neuzeit und darüber hinaus in die Zukunft sind kaum auszumachen. In diesem fast nebulösen Umfeld der Menschen entwickeln sich einerseits die Bereitschaft, Orientierung zu finden, um der Magie zu entrinnen und andererseits ein zunehmendes Unbehagen gegenüber neuzeitlichen Steuerungs- und Informationsquellen bis zu deren konsequenter Ablehnung. Folglich sehen wir eine Abkopplung der Menschen von Forschung und Entwicklung, insbesondere deren Ausführung in Gestalt von digitaler und biologisch basierter Technik. Der Mensch wird von Technologien vereinnahmt, an deren Sinn für sein Leben er glauben muss, will er nicht in ein gesellschaftliches Abseits geraten, wo sein Drang nach Bestätigung nicht befriedigt wird.

Kurzum: der Mensch hat die Veranlagung zur Technologie besonders entwickelt, um damit seine Überlebenschancen zu verbessern.

Und er hat unter Einbußen seiner Freiheit seine Vorteilsstrebigkeit auf das Gemeinwesen delegiert und wird heute von informationstechnischen Systemen verwaltet, die ihn weitgehend widerstandslos beeinflussen.

Das ist möglich, weil die in Jahrtausenden trainierte Anpassung des Menschen auf dem Weg zur technologisch geprägten Gesellschaft irgendwo stecken geblieben ist.

In Zukunft wird eine "Abrechnung" mit dem "Heutzutage" auf das Zeitalter der Technologie-basierten, brutalen Ausbeutung hochentwickelten Lebens in Massentierhaltung, der rücksichtslosen Vernichtung von Biodiversität in den Meeren und der chemisch zerstörten Landstriche mit Monokulturen verweisen, um den düsteren Zustand menschlichen Verhaltens in unserer Zeit zu verdeutlichen.

Die Glorifizierung der Technologie ungeachtet der erforderlichen Weiterentwicklung des Menschen vom Instinktwesen zum Vernunftwesen wird in naher Zukunft auf den Prüfstand kommen.

Warum? Es regt sich Widerstand:

Ethics of Science

Mit einer Allianz der Wissenschaft (Alliance of World Scientists) haben über 16.000 Wissenschaftler dazu aufgerufen, Wissenschaft und Technologie mit dem Gütemerkmal der Wahrheit zu versehen, indem sie Wissenüber die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zusammentragen: "Wissenschaft vereint uns, weil sie nach Antworten sucht, die von der Gesellschaft als ultimativ bedeutend angesehen werden." (William Stone, Unterzeichner der zweiten Warnung an die Menschheit, 13.11.2017)

Techno Ethics

Martin Heidegger hat bereits in den 1950er Jahren seine Ansichten zur Technik in Worte gegossen, wonach die Menschen der Technik ausgeliefert sind, wenn sie diese als neutral betrachten, denn gerade diese beliebte Vorstellung macht Menschen vollkommen blind für das eigentliche Wesen der Technik.

Im Widerstand liegt der Ausbremsung von Techniken zur Energieerzeugung nicht nur die Komponente unmittelbarer Gefährdung des Menschen (Atomkraft) oder des Klimas zugrunde, sondern auch der Gedanke einer Nachhaltigkeit ohne Beeinträchtigung der Umwelt.

Digital Ethics

Manfred Spitzer ist Hochschullehrer und Psychiater und verweist auf vielfältige Schäden infolge eines frühjugendlichen und ungeregelten Gebrauchs von Smartphones. Seiner Meinung nach erfordert der Gebrauch von Digitaltechnik eine schulische Bildung und wohlmöglich eine Zulassung wie bei einem Führerschein.

Bent Meier Sörensen ist Professor an der Copenhagen Business School und hat eine umfangreiche Erörterung der digitalen Gefahren in seinem Buch "Magie des Bildschirms" mit dem Untertitel "Wie man die Widerstandskraft in einer digitalen Zeit trainiert" vorgestellt. In seiner Widmung schreibt er:

Ich hoffe, dass Bildschirme ein Teil der Zukunft werden, aber nicht die Zukunft selbst.

Dietmar Hopp äußert sich im Handelsblatt vom 10.12.2018 über Künstliche Intelligenz und Gesellschaft dahingehend, dass die Gesellschaft sich irgendwann entscheiden müsse, wie KI zu nutzen sein soll. Die Frage sei, wie mit diesen Themen umzugehen ist und "die macht mir schon ein wenig Angst."

Selbst oder gerade einem IT-verhafteten Menschen wie Dietmar Hopp ist die Dringlichkeit eines gesellschaftlichen Einvernehmens mit der aufgestülpten Digital-Technologie offenkundig.

Der Mensch muss im digitalen Meer entweder das Schwimmen erlernen oder ertrinken.

Data Ethics

Insbesondere in England und Skandinavien haben sich über die Bestimmungen der DSGVO hinaus Bewegungen etabliert, die Datensammlungen zu Zweck der individuellen und der massenhaften Manipulation von Datengebern entgegentreten. Dabei tritt deutlich hervor, dass ethisches Verhalten sich nicht aus Verordnungen (mit Androhung von Strafe) ergibt, sondern aus dem gesellschaftlichen Konsens und dem Verständnis des einzelnen Menschen. Gerade überbordende Regelwerke und entsprechende Überwachungsverfahren führen eher zu einer Erosion des Widerstandes.

Allerdings will sich der Widerstand an wandelbaren ethischen Normen orientieren, die eine Richtung vorgeben. So können Dilemmata aufgelöst und Kompromisse gefunden werden. Das ist der Anspruch an neuzeitlich menschliches Verhalten im technischen Umfeld.

Ausblick

Stephen Hawking zeichnet ein einfaches Bild mit einer unwiderlegbaren Botschaft an die Menschen: Ein Planet, eine Menschheit. Mögen sie die Kraft haben, die Ziele der nachhaltigen Entwicklung zu erreichen und dies nicht aus Eigennutz, sondern im Interesse des Gemeinwohls.

Aber dennoch ist der Mensch (noch) ein Individuum in seinem jeweiligen Gemeinwesen, aus dem die Bildung zum Umgang mit Technologie und neuen sozialen Strukturen kommen muss. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das Verhalten zur Technik muss gelehrt und erlernt werden - im Zusammenspiel zwischen Mensch, Gesellschaft, Technologie und Markt.