Datenschutz, Data Ethics, Techno Ethik

24.10.2018

Die Würde des Menschen ist unantastbar und zur Würde gehört die Freiheit. Das ist ein ethischer Grundsatz. Damit ist der Rahmen abgesteckt. Aber die Frage ist erlaubt, ob das Umfeld des Menschen auch eine Würde aufweist. 

Und wie verhält sich die Freiheit des einen zu der des anderen?

Vernunft - Glaube - Intelligenz

Der Mensch hat sich zum Mass aller Dinge gemacht. Aber beruhigend ist, dass er (noch) nicht überwiegend aus technischen, biotechnischen Komponenten und abgewandelten Erbanlagen besteht. Somit kann erwartet werden, dass seine ethischen Vorstellungen menschlich begreifbar sind. Der Mensch besteht immer noch aus lebensgeeigneten Stoffen und vor allem aus anderen Lebewesen (Bakterien), die in höchst komplexen Prozessen grundlegend zur Bildung von Bewusstsein beitragen. Das ist ein kaum erkennbarer, verschwindend kleiner Teil des ganzen Gebildes Mensch - aber ein sehr bedeutsamer, weil hier vermutlich die Vernunft angesiedelt ist. Der Rest ist "automatisiert" und läuft im Verborgenen ab, wenn nicht hier und da Gefühle an die Oberfläche kommen, die Auswirkungen auf die Vernunft haben können. Wo Gefühle sind, kann der Glaube angesiedelt werden. Vielfältige Fähigkeiten erfahren hier ihre stimulierenden Impulse.

So beruht die bemerkenswerte Fähigkeit des Menschen, sogenannte "Bauchgefühle" zu haben, also Wohlsein oder Unwohlsein in Bezug auf einem Sachverhalt zu spüren, nicht auf Vernunft, sondern tangiert Vernunft mit dem Zweck, die Stellung des Menschen in der Welt unter Berücksichtigung des gegebenen Sachverhalts zu erklären. Dabei versucht er, "Unbenennbares" zu artikulieren und so für das Denken aufzubereiten. Es werden nützliche Einflüsse festgestellt und gegebenenfalls vernünftig verwertet oder es wird auf bestehende und wohlmöglich zukünftige Beeinträchtigungen seiner Existenz vorbeugend reagiert - das ist intelligent. 

Bewusstsein und Selbstwertgefühl

Nun hat der Mensch eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft entwickelt, mit der er sich als selbstverständlich in seinem Dasein empfindet, er ist sozusagen "vom Himmel gefallen." Diese Selbstbestimmung ist nicht neu, haben sich doch schon in Religionen und Philosophien des Altertums und das noch bis zur Gegenwart Verklärungen nicht nur einzelner Menschen ergeben, sondern des Menschen überhaupt. Er ist dem "Genius des Schöpfers" nahe. Und das hat zu erheblichen Beeinträchtigungen der sozialen Gebilde und des Umfeldes geführt, die bis in die Gegenwart reichen und bereits die Zukunft in Mitleidenschaft ziehen. Doch der neuzeitliche Mensch beginnt damit, sich anders einzuordnen.

Das Umfeld des Menschen ist das Weltall, die Sonne, die Erde und das Leben eben dieser Erde. Alles ist dem Wandel unterworfen und der Wandel des Menschen geschah und geschieht als integrierter Bestandteil dieser lebenden Erde, aus der er vielleicht als eine "Laune der Natur" oder auch vielmehr als zweckbestimmtes Wesen hervorgegangen ist, und das allen Widrigkeiten zum Trotz. Es spricht vieles für die Annahme, dass die Erde ein Bewusstsein entwickelt hat, in dem die Bildung von Intelligenz verankert ist, die in Technologie zum Ausdruck kommen kann. Es mag dazu viele Versuche gegeben haben. 

Aus der Erkenntnis des heutigen Menschen hat er das Rennen gemacht und nicht die Krähe oder der Krake.

Daseinssicherung und Vorteilsstrebigkeit - Technologie und Ratlosigkeit

Die besonders ausgebildeten Fähigkeiten zur Daseinssicherung haben insbesondere technologische Entwicklungen durch den Menschen befördert. Von der unmittelbaren Reaktion auf eine Bedrohung der Existenz zieht sich die Entwicklung über die Vorsorge zur Vorteilsstrebigkeit des heutigen Menschen und mündet ein in Beherrschungssysteme, die vom Pyramidenbau bis zum Internet reichen. Unter diesem Einfluss neigt der Mensch dazu, seine Vorteilsstrebigkeit zu delegieren und bezahlt mit der Minderung des Selbst-Bewusstseins und weitgehendem Verlust seiner Freiheit. Er mutiert zu einem bereits technologisch schillernden Wesen, dessen wesentliche Merkmale sich in an Brutalität grenzende Rücksichtslosigkeit und aufbrechende Ratlosigkeit über diese Entwicklung zeigen. In diesem Gemenge von Vernunft und Glauben wird die Zweckmäßigkeit von Forschung und Entwicklung zunehmend philosophisch zu hinterfragen sein.

Es kommt dann zu der Erkenntnis, dass eine von Intelligenz geprägte Ausbildung für den technologischen Fortschritt ohne begleitende Entwicklung eines tragfähigen mentalen Unterbaus in ein Desaster führen kann, bei dem ein überwiegender Teil der Menschheit aus dem Gleichgewicht gerät. Zukunftsinvestitionen haben daher gleichermaßen die Technologie und den Menschen zu bedienen. In dieser Mischzone von Vernunft und Glauben müssen für die Entwicklung von Technologien integrierte Regelwerke gefunden werden. Die Vorstellung, einem naturgegebenen "Plan", der eine hemmungslose Ausbeutung von Ressourcen, den Menschen eingeschlossen, folgen zu können, ist absurd. Folglich wird es zu einer speziellen Philosophie der Technologie kommen, wo sich Vernunft und Glaube zu einer Weisheit vereinen können, die wesentlicher Schlüssel zur Daseinssicherung nicht nur des Menschen wird. Das geschieht nicht kontrovers, sondern als Sichtweise von zwei Seiten.

Ethik als Wahrer der Freiheit

Gefühle zu einem Regelwerk finden nicht erst in der Neuzeit ihren Weg in das Bewusstsein und lösen Gedanken aus, die das Verhalten des Menschen beschreiben und bewerten. Die Maßstäbe entsprechen immer der jeweiligen Situation des Menschen, seinen Erfahrungen und Erwartungen. Und so stellt sich die Frage, ob es einen Gradmesser des Menschen für den Wert von Technologie überhaupt geben kann? Und wenn ja, wer stellt die Beurteilungsregeln auf und wer urteilt? Und wie lange gelten die Regeln?

Hier bietet die Philosophie Hilfe an. Zwei besondere Quellen der Neuzeit stellen sich zur Wahl: Erstens die Bewertung eines Ereignisses an dessen Folgen (Mills) und zweitens die Abstraktion von den Folgen zur Vorwegnahme der Bewertung (Kant). Beide Auffassungen führen zu einer ethischen Regel oder Regeln über das freiheitliche Verhalten des Menschen oder der Menschen in einer jeweiligen Situation. Hier ist diese von zwei wesentlichen Faktoren geprägt: Stand der Technologie und Einstellung des Menschen zu dieser Technologie. 

Das heißt: Die ethische Grundregel ist mit Ausführungsbestimmungen anzupassen.

Dass weder Grundregel noch Ausführungsbestimmungen zuwiderlaufendes Handeln der Menschen behindern oder verhindern ist offenkundig. Dennoch muss hier das Regelwerk zur Technologie gesucht und gefunden werden, weil die Macht des Faktischen, der "naturgegebene Plan", nicht dem Interesse der Menschheit zu entsprechen scheint. Letztlich ist alle Ethik aus Nutzenerwägungen abzuleiten und diese entspringen den Gefühlen, dem Glauben, dem Dafürhalten. Die Vernunft ist auf den Plan gerufen.

Der neuzeitliche Mensch ist gefordert, die ethischen Grundlagen seines Daseins als Individuum und als soziales Wesen in seinem Umfeld zu definieren. Sein wachsendes Unverständnis der beherrschenden Systeme, ob vordergründig Politik, Wirtschaft oder Finanzwesen, weckt das Gefühl der Abhängigkeit bis hin zur Ohnmacht in der Bedeutungslosigkeit. Die Systeme sind weitgehend technologisch gestützt nicht zuletzt durch die Durchdringung mit digitalen Verfahren, auf die sich zunehmend das Augenmerk richtet, wenn es um die Würde und die Freiheit des Menschen geht.

Datenschutz

So hat sich aus ethischen Erwägungen das Recht des Individuums auf die Einhaltung der Zweckbestimmung seiner Informationen ergeben, wonach die abweichende Verwertung oder Bewertung gesetzlich untersagt ist und geahndet werden kann. Das ist ein Erfolg! Aber was für das Individuum gilt, bezieht die Masse der Menschen nicht ein und hier setzen sich beherrschende Systeme planmäßig freiheits-beschränkend durch, ohne dass ein Einspruch des Individuums möglich ist, will er nicht der Teilnahme am Gemeinwesen, der Gesellschaft, mithin seiner Berufsausübung und seinem Lebensstandard verlustig gehen. Die Preisgabe von Verhaltens-Informationen führt geradewegs in die Manipulation sowohl des Individuums als auch ganzer Nationen.

Daten Ethik und Nutzen

Hier setzt eine Bewegung an, die an das Verhalten von einflussnehmenden Organisationen appelliert und zwar mit dem Argument des Nutzens, wenn auf die Auswertung großer Datenmengen zum Zweck der Beeinflussung verzichtet wird. Daten Ethik (data ethics) hat sich hat sich dann positiv etabliert, wenn ein Unternehmen (Organisation) erklärt, dass es keine Auswertungen zwecks Beeinflussung weder aus eigens erhobenen Daten noch aus solchen anderer Quellen zu eigenen oder zu Zwecken anderer Unternehmen vornimmt. Worin besteht der Nutzen?

Big Data Auswertungen sind aus vielen Gründen je nach Art und Herkunft heute unerlässlich für Prognosen, Planungen, Entscheidungen. Sie werden daher die Rahmenbedingungen für die Gesellschaft eines Landes oder eines Unternehmens in vielerlei Hinsicht mitbestimmen, aber der Kern liegt im mangelnden Verständnis des Individuums für die Systeme, denen er nicht unterworfen sein will noch sollte, sondern mit denen er kooperiert. Aus der Transparenz des unternehmerischen Verhaltens erwächst Vertrauen und das ist bei tatsächlichen oder empfundenen Einschränkungen der Freiheit ein wertvolles Aktivum:

Von einer ethische Grundhaltung nimmt der Mensch positiv gestimmt Kenntnis - vor erduldeter Manipulation weicht er zurück in das gesellschaftliche Abseits.

Techno-Ethik

Der Unmut des neuzeitlichen Menschen ergibt sich aus der Verletzung seines Glaubens an die Ordnung in seinem Umfeld. Das betrifft nicht nur die datentechnische Überforderung, sondern auch die unkontrollierte Gewalt technischer Verfahren überhaupt, mit denen das Leben und seine Grundlagen konfrontiert sind. Anlässe zum Aufbegehren gibt es hinreichend und sie werden genutzt. Der Mensch erkennt, wie er am Baum des Lebens den Ast absägt, auf dem er sitzt. Hat daher die Erde einen Anspruch auf Einbindung in eine ethische Grundregel, weil sie letztlich Ursprung des Menschen ist und bis heute das Leben außerhalb des Gebildes wenig Aussicht auf eine Weiterentwicklung haben dürfte?

Umweltschutz ist bereits weitgehend gesetzlich verankert und wird von diversen Institutionen beachtet. Aber der Konflikt mit vorhandener Technik und absehbarer zusätzlicher Belastung durch Entwicklungen beispielsweise in den Bereichen Biotechnik, Erbgutmanipulation, Saatgutmonopolisierung oder künstliches Leben und künstliche Intelligenz wirft die Frage auf, ob Forschung und Entwicklung einem "naturgegebenen Plan" folgen und die Ergebnisse wie bislang ohne Hemmungen in diese Natur entlassen werden können oder ob ein Regelwerk greift, das Forschung und Entwicklung bejaht, aber dies mit dem Vorbehalt, das höchst komplexe Gebilde Erde und Umgebung nicht zu tangieren. Es geht um die Kenntnis des verträglich Machbaren. Hier wird Technologie durch Philosophie auf eine Ebene hochgezogen, auf der sie den positiven Erwartungen des Menschen an seine Zukunft entspricht und damit letztlich für den Menschen von Nutzen ist

Auch Techno-Ethik sollte dem Verlangen des Menschen nach einem geordneten Umfeld Rechnung tragen und somit zukunftsbejahend seine Weiterentwicklung in Würde und Freiheit ermöglichen.