Das "befreite" Lebewesen Mensch ...

25.09.2018

Die Auffassung, dass Forschung, Entwicklung und Anwendung von Technologie das Gemeinwesen einbeziehen müssen, ist so alt wie die ersten Werkzeuge kognitiver Lebewesen, die ihr Dasein unabhängig von "naturgegebenen" Bedingungen in der Gemeinschaft vorteilhaft zu gestalten versuchten, wohlwissend, dass sie ohne die gemeinsame Gruppe nicht existieren konnten. Die Gruppe wiederum lernte, an der Vorteilhaftigkeit teilzuhaben. Die heute bekannte philosophische Durchdringung geht wesentlich auf Heraklit zurück. Er erweiterte die Gemeinschaft kognitiver Lebewesen auf das Gemeinsame - alles Erkennbaren, Erde und Himmel.

Pflanzen und Tiere, Luft und Wasser - schließlich des Universums, und legte diesem Gemeinwesen das Bewusstsein des Logos zugrunde. Der Logos ist das denkbare Konstrukt des Gemeinwesens.

Heraklit erkannte sehr wohl die Unzugänglichkeit des Logos für Menschen bis auf wenige Ausnahmen - die "wachen" Menschen. Sie sind aber ohne die "schlafenden" Menschen, die von ihren Sinnen gesteuert werden, nicht fähig, Wissen aus dem Logos zu gewinnen, um daraus Vorteile ableiten zu können. Am Anfang jeder Technologie muss die Einsicht stehen, dass der "wache" Mensch aus dem Gemeinwesen entsteht und diesem verpflichtet ist. Er muss das Gemeinwesen am ständigen Wandel teilhaben lassen, um wiederum neue "wache" Menschen hervorbringen zu können. Also: Nicht der Forscher und Entwickler von Technologie ist allein Logos kompatibel, sondern er ist es auf der Grundlage des Gemeinwesens als gewolltes Werkzeug technologischer Evolution. Und diese impliziert das ständige Lernen der "schlafenden" Menschen mit immer neuen Zielen eines besseren Verstehens des Gemeinwesens

... ohne Orientierung in der Welt 

Hier aber führt uns der Weg in eine zerklüftete Landschaft des vom Logos durchdrungenen Gemeinwesens.

Das Wort Umwelt bezeichnet deutlich die Absonderung des Menschen aus dem Gemeinwesen in eine Gesellschaft, in der sich der Mensch zunehmend als selbstverständlich eigenständig empfindet, gleichsam zur freien Verfügung seiner Fähigkeiten aus dem Gemeinwesen entlassen. Und dies wirkt sich auf den sich stetig verbreiternden Graben zwischen fortschreitender Technologie und dem Verstehen der Gesellschaft aus.

Die seitens der Gesellschaft nicht mehr überschaubare Entwicklung der Technologie führt zunehmend in deren Isolation mit der erkennbaren Gefahr für das Gemeinwesen. Jede Technologie dieser Art zieht auf ihrer Bahn einen Schweif von negativen Auswirkungen nach sich, die immer das Gemeinwesen als Ganzes beeinträchtigen. Die neuzeitliche Gesellschaft spürt ein Unbehagen mit ihrer Entfremdung aus dem Gemeinwesen wie es Heraklit begriff. 

Sie sieht sich zunehmend als eine Gesellschaft der "Schläfer" auf einer Seite der Kluft mit dem Gegenüber der "Wachen", die den Zerfall ihrer Grundlagen unverantwortlich abgehoben befördern. Und Widerstand zeigt sich diesen komplexen Systemen gegenüber in vielfältiger Gestalt offenen Protests als Folge zunehmender Ausgrenzung, des Nichtverstehens, der Angst vor unheilvollen Entwicklungen und insbesondere "Schläfern", die Macht haben. 

So stellt Ariel Lindner (Aufsatz von Cecilia Bognon Küss in "Philosophie"-Magazin) es so dar: "Wir werden Grenzen ziehen müssen zwischen dem, was möglich, machbar, wünschenswert und nützlich ist. Und darum werden wir unsere Forschungsfragen und -ergebnisse auf transparente Weise mit der Zivilgesellschaft teilen. 
Denn je mehr Risiken eine Forschung birgt, desto mehr muss man die Türen der Labore für die Öffentlichkeit öffnen und die Gesellschaft und all ihre Akteure in die Diskussion einbinden."

Forschungsgesellschaften (z.B. Fraunhofer) gehen dazu über, mit periodischen Veröffentlichungen ihre Arbeit zu begleiten. Das sind Tropfen aus dem Meer der Wissenschaften, aber es zeigt sich hier auf der Seite der "Wachen" die beginnende Einsicht, dass nur die mit dem Gemeinwesen verträgliche Forschung und Entwicklung die Zukunft gestalten kann.